Bachlinge aus Französisch Guayana

Die Europäische Union macht möglich, was unser heimischer Subkontinent klimatisch eigentlich nicht hergibt: Weite Teile Europas sind mit unberührtem Regenwald bedeckt, in dem sich neben Tapiren, Jaguaren und Legionären auch kleine bunte Fische tummeln. Französisch-Guayana, der kleine Staat im Nordosten Südamerikas, ist französisches Überseedepartement und gehört als eine Region Frankreichs politisch zur Europäischen Union. Bekannt ist Französisch-Guayana eigentlich nur durch die Europarakete Ariane, die vom Weltraumbahnhof Kourou ins All geschossen wird. Ansonsten hat das dünn besiedelte Land politisch und wirtschaftlich wenig zu bieten. Aber seine Regenwälder sind noch weitestgehend intakt und von Menschenhand unberührt. Nur hin und wieder begegnet man Indios auf der Jagd, aber die verstehen sich noch besser auf das lautlose und unsichtbare Fortbewegen im Dschungel als die französischen Fremdenlegionäre, die dort im Dschungelkampf ausbildet werden. Dafür sieht man auf Schritt und Tritt Frösche und kleine bunte Fische hüpfen - Bachlinge. Diese zu den Killifischen gehörenden Zahnkarpfen sind berühmt für ihr außerordentliches Sprungvermögen und die Zielgenauigkeit dabei. Deshalb muss ein Aquarium mit diesen attraktiven Fischen immer spaltenfrei abgedeckt sein, damit sie nicht herausspringen und vertrocknen. Im Urwaldbach ist diese Fähigkeit hingegen mehr als nützlich, sie kann Fischleben retten. Bachlinge flüchten bevorzugt aus dem Wasser heraus vor ihren Fressfeinden und davon gibt es jede Menge: Schlangen, Schildkröten, Vögel und andere Fische. Auch wenn der Bach in der Trockenzeit austrocknet, springen die Bachlinge einfach von Pfütze zu Pfütze bis in ein anderes kleines Gewässer. Und in der Regenzeit, wenn ein Bächlein innerhalb von wenigen Minuten zu einem reißenden Strom anschwellen kann, sind springende Fische mit einem Satz aus der Gefahrenzone und ein Stockwerk höher am Bachufer in Sicherheit. Oder auf einem Blatt oder im Uferschlamm. In ruhigeren Zeiten sieht man Bachlinge gerne auch in der Sonne auf einem Schwimmblatt liegen.

Auf die Plätze - fertig - leben!

Wenn nahe verwandte Arten sich Konkurrenz machen, ist es besser, getrennte Wege zu gehen. So machen es auch die drei bekanntesten Bachlingsarten aus Französisch-Guayana. Der elegante Schwertschwanzbachling (Rivulus xiphidius) bevorzugt etwas tieferes Wasser und nicht zu starke Strömung, weshalb man ihn meist im Mittellauf und an Steilufern findet. Der kompaktere Agila-Bachling (Rivulus agilae) liebt flacheres Wasser und hält sich bevorzugt in Außenständen und Gumpen auf. Sein engster Verwandter, der Guyana-Bachling (Rivulus geayi), dagegen sucht sein Glück in den stark beschatteten und kühleren Oberläufen. So hat jede Art ihren Platz und ist perfekt an diesen angepasst. Darauf sollte auch bei der Haltung im Aquarium Rücksicht genommen werden. Temperaturen von 20 - 24 °C sind für alle drei Arten gut geeignet, auch etwas niedrigere oder höhere Temperaturen werden problemlos toleriert. Unter 18 °C sowie über 28 °C sollten die Temperaturen jedoch keinesfalls liegen.

Mit maximal 4 cm bleibt der Schwertschwanzbachling knapp einen Zentimeter kleiner als seine körperlich insgesamt auch robustere Verwandtschaft. Alle drei Bachlingsarten wären damit uneingeschränkt nano-tauglich, wenn die Hersteller endlich Nano-Aquarien anbieten würden, die nicht einen offenen umlaufenden Rand haben. So lange bleibt dem interessierten Aquarianer eigentlich nur, sich eine exakt passende Deckscheibe aus Glas anfertigen zu lassen. Eine kleine Investition, die eine große Vielfalt von Beobachtungsmöglichkeiten an diesen farbenfrohen Fischen eröffnet.

Im Wasser, am Wasser und in der Luft

Bachlinge sind geschickte Lauerjäger, die regungslos unter der Wasseroberfläche stehend auf ihre Beute warten. In der Natur ist das vor allem "Anflugnahrung" in Form von Insekten, die über dem Wasser fliegen oder auf das Wasser fallen. Darauf hat der Bachling nur gewartet und schießt wie ein Blitz aus seiner Deckung vor, schnappt die Beute und ist mit ihr genauso schnell wieder aus dem Blickfeld verschwunden. Auch über der Wasseroberfläche ist kein passendes Beutetier vor dem sprunggewaltigen Bachling sicher. Verständlich, dass eine kleine Fliege am Aquarium diesen Instinkt weckt und zum Salto mortale verleitet. Im Aquarium sind Bachlinge gut an Trockenfutter und Frostfutter zu gewöhnen, aber lebende oder gefriergetrocknete Anflugnahrung, wie Taufliegen (Drosophila), Springschwänze, Ofenfischchen, Blattläuse oder Mikro-Grillen (nur Kurzflügelgrillen, die sich nicht in Wohnräumen vermehren können), sollte nicht fehlen. Hunde und Katzen bekommen ja auch Leckerli.

Und sie tanzen einen Tango ...

Nahrung und Überleben sind Grundbedürfnisse, aber die Liebe erst macht das Leben wirklich schön. Das beweisen die Männchen unserer drei Bachlingsarten bei artgerechter Haltung täglich durch ihre einzigartigen Paarungstänze. Mit flatternden Bewegungen und weit gespreizten Flossen, den Farbregler auf Anschlag geschoben, umtanzt der galante Brautwerber seine Auserwählte. Ein Tango furioso. Immer wieder schwimmt er abwechselnd über und unter das Weibchen, um Körperkontakt herzustellen und es zu einem geeigneten Ablaichplatz zu führen. Feinfiedrige Pflanzen, Moospolster oder Algenbüschel sind dafür ideal. Erfahrene Züchter verwenden Torffasern oder Mopps aus Kunstwolle. Ist das Herz der Damenwelt erobert, schmiegt sich das Paar eng aneinander, wobei das Männchen das Weibchen mit seiner Rücken- und Afterflosse umfasst und beide unter heftigem Erzittern das neue Leben auf den Weg bringen. Ein oder zwei Eier finden so einen hoffentlich sicheren Platz für die Entwicklung, denn andere Fische und Artgenossen stellen dem Laich genauso nach wie die eigene Mutter. Für die gezielte Zucht setzt man daher ein Paar am frühen Abend in ein kleines Aquarium (eine Kühlschrankdose ist ebenfalls gut geeignet) mit einem dichten Büschel Moos oder Torffasern oder besagtem Wollmopp und lässt es dort bis zum nächsten Morgen zusammen, so etwa bis gegen 09:00 Uhr. Bachlinge laichen bevorzugt in den Abend- und frühen Morgenstunden. Bevor dann die Jagd auf die eigene Brut einsetzt, werden die Fische wieder zurückgesetzt und der Laich kann sich ungestört entwickeln. Nach durchschnittlich 14 Tagen schlüpfen die Jungfische und können sofort mit Artemien angefüttert werden. Die weitere Aufzucht ist problemlos, wie in der einschlägigen Fachliteratur angegeben.

Ein Männchen kommt selten allein

Es ist das unabwendbare Schicksal aller Wirbeltiermännchen, dass sie sich im Konkurrenzkampf um die Weibchen durchsetzen müssen, um sich fortpflanzen zu können. Bachlingsmännchen haben hierfür eine besonders schöne Form des Imponierverhaltens untereinander und gegenüber den Weibchen entwickelt. Begegnen sich zwei Männchen, umschwimmen sie sich zunächst und zeigen Präsenz. Verlässt keiner der Kontrahenten jetzt die Szene, wird - wie bei der Ariane - die zweite Stufe gezündet. Jetzt stellen sich die Rivalen Kopf an Schwanz zueinander und beginnen sich zu umkreisen. Hierbei werden die Rücken-, Schwanz- und Afterflossen abwechselnd angelegt und wieder voll gespreizt. Genügt dieses Ritual nicht, den Schwächeren zu vertreiben, geht es direkter zur Sache und es fliegen sprichwörtlich die Fetzen, nämlich Flossenfetzen. Ausreichend Platz vorausgesetzt, gehen diese Auseinandersetzungen ohne Verletzungen zu Ende und der Unterlegene räumt den Platz. Kann der Verlierer sich nicht aus dem Blickfeld des überlegenen Männchens entfernen, kommt es zu Bissen und im äußersten Fall zu ernsthaften Beschädigungen. Deshalb sollten mehrere Männchen von Bachlingen nur in entsprechend geräumigen oder Aquarien mit vielen Versteckmöglichkeiten zusammen gehalten werden. Für ein Paar ist ein 30er-Nano-Würfel bereits ausreichend, für zwei Paare oder eine Gruppe sollte das Aquarium schon 60 cm Kantenlänge haben. Eine gute Lösung ist es, jeweils ein Paar Schwertschwanzbachlinge mit einem Paar einer der beiden anderen Bachlingsarten zu vergesellschaften. Dann interessieren sich die Männchen nicht weiter füreinander und die Freude an diesen kleinen bunten Killifischen verdoppelt sich.