Ab in die Wüste - Fische fangen!

Über seine Reise nach Brasilien und die „Jagd“ auf Killifische in eindrucksvoller Natur erzählt der Aquarianer Steffen Hellner. Als Autor und Fotograf arbeitet er für anerkannte Fachverlage wie z. B. GU Gräfe und Unzer und den Kosmos Verlag. Zudem ist er Mitglied des Redaktionsbeirats der bekannten Fachzeitschrift „Aquaristik Fachmagazin“ und hält regelmäßig Vorträge in Deutschland, Europa und den USA über Aquaristik und Terraristik – für ihn inzwischen weit mehr als Hobbys.

Fische leben im Wasser. Und weniger Wasser als in der Wüste gibt es nur auf dem Mond. Wie also kommt ein Aquarianer auf die Idee, in der Wüste Fische zu fangen? Weil die Natur immer für eine Überraschung gut ist und es in der Wüste tatsächlich Fische gibt. Meine Reise führt nach Brasilien, in die Halbwüste oder Dornensteppe, für die es je nach Ausprägung zwei Namen gibt: Cerrado und Caatinga. Das Cerrado ist eine Buschsteppe und die charakteristische Landschaft Zentralbrasiliens, insbesondere in den Bundesstaaten Minas Gerais und Bahia. Die Caatinga im äußersten Nordosten des Landes besitzt noch mehr Wüstencharakter, ist offener, heißer und trockener. Staaten wie Pernambuco und Piaui bilden nicht zuletzt wegen der unwirtlichen Caatinga das „Armenhaus“ Brasiliens.

 

Welche Fische können hier überleben?

Es sind sogenannte Killifische, Eier legende Zahnkarpfen mit einer einmaligen Anpassungsfähigkeit an extreme Lebensräume. Sie legen ihre Eier in den Schlamm der Gewässer ab und überlassen sie dort ihrem Schicksal. Denn die Gewässer sind ausnahmslos Tümpel und Teiche, insbesondere auch Viehtränken für die allgegenwärtigen Brahma-Rinder. Die Gewässer trocknen mit Beginn der Trockenzeit restlos aus, die darin lebenden Fische werden Opfer einer Vielzahl von Fressfeinden wie Wasserschildkröten und eben räuberischen Arten von Killifischen. Wer nicht gefressen wird, verdörrt in der erbarmungslosen Sonne. Und die Eier? Die ruhen im feuchten Boden, geschützt durch einen Panzer aus getrocknetem Lehm, hart wie Beton. Mit Beginn der nächsten Regenzeit, die je nach Region und Saison nach zwei bis sechs Monaten einsetzt, weicht der Boden wieder auf, die Gewässer füllen sich und die Jungfische schlüpfen aus. Ein faszinierendes Schauspiel in der Natur und im Aquarium. Innerhalb weniger Wochen wachsen die Fische zur vollen Größe und Geschlechtsreife heran, die Zeit drängt, die nächste Regenzeit wird kommen.

Diese Killifische gehören nicht nur zu den interessantesten, sondern auch zu den farbenprächtigsten und bizarrsten Fischen überhaupt. Viele Arten tragen leuchtende Farben, andere enorm große Flossen mit langen Auszügen. Und die Räuber unter ihnen sind relative Riesen mit überdimensionalen Köpfen und in Tarnfarben gekleidet. Brasilianische Aquarianer und Wissenschaftler haben mittlerweile an die 100 Arten entdeckt, etwa 80 Prozent davon erst in den vergangenen 20 Jahren. Keine dieser Arten gibt es im Zierfischhandel, es bleibt also nur, sie selber zu fangen und zu züchten.

Die ersten Killifische im Netz

Rio de Janeiro, nebenbei bemerkt alles andere als eine Traumstadt, empfängt mich mit drückender Schwüle und entspannter Hektik. In einem Leihauto lasse ich den Stadtrand von Rio hinter mir. Was danach kommt, verschlägt einem die Sprache: Wälder, herrliche Landschaften, kleine, freundliche Orte mit noch freundlicheren Menschen. Nach zwei Tagen und über 1000 km erreiche ich mein Ziel. Vor mir schleicht der Rio Sao Francisco, immerhin der drittgrößte Strom Brasiliens, gelangweilt durch sein Bett. Eine trübe Brühe, von der hier alles lebt, Menschen, Vieh und Fische. Es ist Ende der Regenzeit, wobei sich das hier nie so genau vorhersagen lässt. Ich habe Glück und mit Anfang April genau den richtigen Zeitpunkt erwischt.

Etwas nördlich der Ortschaft Itacarambi fange ich in einem austrocknenden Restgewässer die ersten Killifische. Die Luft brennt, aufgeheizt von der erbarmungslos glühenden Sonne, mit 38 °C im Schatten. Wenn es Schatten gäbe. Das Wasser dagegen hat immer noch nur rund 25 °C. Grund dafür ist der Lehm, der das Wasser eintrübt und so die Sonneneinstrahlung abblockt. Ohne Lehm gäbe es kein Leben in diesen Gewässern, zumindest keine Fische. In klaren Tümpeln finden sich nur kleine Krebse und Kaulquappen. Ich fahre in der Dunkelheit weiter nach Manga, einem beschaulichen Ort am Ufer des großen Flusses.

An einem Tümpel ziehe ich mein Netz durch die überfluteten Gräser am Rand. Ein Killifisch zappelt im Netz, ein Männchen. So eines habe ich noch nie gesehen, und ich kenne doch alle bekannten Arten. Diese ist unbekannt und trägt heute den Namen ihres Entdeckers. Ich fange noch ein gutes Dutzend der wunderschön violett schimmernden Männchen mit den großen Flossen und ihren viel kleineren goldfarbenen Weibchen, dann geht es weiter, zurück nach Manga und dort mit der Fähre über den Rio Sao Francisco. Die Fähre ist ein Wunderwerk der Schifffahrt. Ein Ponton ohne eigenen Antrieb, geschoben von einem Langboot mit Außenbordmotor. Auf dem Rio Sao Francisco geht das, weil die Strömung so gering ist. Noch mehrmals setze ich über diesen Fluss, bis ich mein nächstes Ziel erreiche, Petrolina und Juazeiro, die Doppelmetropole an der Grenze zwischen Pernambuco und Bahia.

Auf der Jagd nach Räubern

Hier will ich den räuberischen Killifisch Cynolebias porosus finden und fangen, der seit seiner Beschreibung vor über einem Jahrhundert nicht mehr lebend gesehen wurde. Das ist gar nicht schwer, denn diese Art lebt hier in fast jedem geeigneten Gewässer, überwiegend alleine, hin und wieder zusammen mit den kleineren Arten. Wo diese fehlen, ernährt sich dieser Lauerräuber von Kaulquappen. Der Fang ist mühselig, weil diese Fische zwar völlig regungslos auf vorbeischwimmende Beute warten, aber dann wie ein Hecht nach vorn schnellen können. Oder wenn ein Kescher auf sie zukommt. Nach und nach finden mehrere Paare ins Netz und ich wähle die schönsten und kräftigsten Fische aus. Zwischendrin kommen die eigentlichen Besitzer des Tümpels vorbei und ich überlasse ihnen ihre „Bar“: Die Brahma-Rinder finden sich mehrmals am Tag ein, um zu trinken und anschließend ihren Urin und Kot ins Wasser abzugeben. Kein Problem für die darin lebenden Fische, denn der Lehmboden wirkt wie ein riesiger Biofilter und erhält eine gewisse Wasserqualität. Im Netz sieht man dann deutlich, wie viel Nahrung diese Fische finden, denn alle sind kugelrund. Das macht den Transport schwierig, weil sich der Darm im Beutel entleert und das Wasser verdirbt. Alle paar Stunden halte ich also an einem Gewässer an und wechsle das Wasser aus. Zwei Tage lang, danach kann ich auf täglichen Wasserwechsel reduzieren.

 

Wie eine Ameise in gewaltiger Natur

Es wird Zeit, die Rückfahrt anzutreten. In dieser Weite, fast immer mutterseelenallein inmitten grandioser Landschaft, ändert sich vieles. So wie an diesem Tag, als ich anhalte und auf die Serra das Araras blicke, eine Bergkette inmitten der endlosen Dornensteppe. Ich habe das Auto verlassen und bin auf eine kleine Anhöhe gelaufen. Vor der Serra zieht ein Schwarm Vögel vorbei. Es ist still. Mucksmäuschenstill. Totenstill. Die Wüste lebt, aber ist stumm. Kein Ton ist zu hören, dazu dieser unendliche Horizont vor strahlend blauem Himmel mit ein paar Schäfchenwolken. Kein Haus, kein Rauch, kein Strommast, keinerlei Zeichen von Menschen oder Zivilisation.

Ich fühle mit jedem Atemzug, wie sich meine Welt verändert. Eine Ameise in einer überwältigenden, ja gewaltigen Natur. Ich bin angekommen und ich werde wiederkommen. In die Wüste der Fische, aber nicht nur als Aquarianer und um Fische zu entdecken, sondern um mich selbst zu entdecken. Und um die Antwort auf die Frage zu finden, die mir immer wieder gestellt wird: „Warum machst du das nur, solche Reisen, alles nur wegen ein paar Fischen?“ Es gibt keine Antwort außer der Reise selbst.