Achtung - Herbstgrasmilben

Obwohl er zuvor einen langen Spaziergang im Park gemacht hatte, konnte der Golden Retriever Paul an einem Sonntagabend im September einfach nicht zur Ruhe kommen. Stattdessen benagte und beleckte er pausenlos und winselnd seine rechte Vorderpfote. Schon zweimal hatte Melanie Erens, Pauls Frauchen, sich die Pfote angesehen, aber nichts finden können, was das Verhalten ihres Hundes erklärt hätte. Allerdings war die Untersuchung der Pfote bisher nur oberflächlich möglich gewesen, weil Paul ihr seine Pfote immer wieder entrissen hatte. Deshalb bat Erens für die dritte Untersuchung ihren Mann, ihr zu helfen und Paul gut festzuhalten, damit sie die Pfote Millimeter für Millimeter genau inspizieren konnte. Und tatsächlich wurde sie jetzt fündig. In der zarten Zehenzwischenhaut, tief versteckt zwischen zweiter und dritter Zehe, entdeckte sie rostrote Punkte, die sich unter einer beleuchteten Lupe als kleine Tierchen entpuppten.

So etwas hatte Erens bisher noch nie gesehen. Äußerst beunruhigt rief sie beim tierärztlichen Notdienst an und beschrieb der Tierärztin am anderen Ende der Leitung, was sie entdeckt hatte. Die Tierärztin wusste sofort, was den armen Paul quälte, und sagte: "Paul hat vermutlich Herbstgrasmilben, die treiben jetzt im Spätsommer und Frühherbst ihr Unwesen. Der Befall ist zwar kein lebensbedrohlicher Notfall, aber der arme Kerl soll sich auch nicht die ganze Nacht quälen. Am besten bringen Sie ihn gleich in die Praxis."

Herbstgrasmilben (Neotrombicula autumnalis) gehören zu den Spinnentieren. Nur die Larve der Herbstgrasmilbe lebt parasitisch und sticht Tiere und Menschen. Die Milbenlarven sind etwa 0,2-0,3 mm lang und rötlich gefärbt. Mit bloßem Auge sind sie also gerade noch zu erkennen. In der Natur sitzen die Larven auf Grashalmen in fünf bis 20 Zentimetern Höhe und warten auf einen Wirt (Vögel und Säugetiere). Sobald sie ihren Wirt geentert haben, suchen die Parasiten möglichst zarte Hautstellen aus und bilden dort kleine Kolonien.

Anders als Zecken saugen die Milbenlarven kein Blut, sondern ritzen mit ihren Mundwerkzeugen die obersten Hautschichten an und lösen mit einem besonderen Speichelsekret die darunter liegenden Gewebeschichten auf. Von dem breiigen Gemisch aus Speichelsekret und Zellflüssigkeit ernähren sie sich. Nach sechs bis acht Tagen fallen die Milbenlarven wieder von alleine ab. Aber so lange kann man nicht warten. Denn der Speichel ruft quälenden Juckreiz hervor und kann Hautentzündungen verursachen, die sich durch zusätzliche Infektionen mit Bakterien und Pilzen verschlimmern können. Darüber hinaus stehen die rostroten Plagegeister auch im Verdacht, Allergien auszulösen.

Bekämpft werden diese Parasiten mit Mitteln, die gegen Zecken wirken. Besondere Vorsicht ist hier jedoch bei Katzen angebracht, sie vertragen die Mittel, die beim Hund eingesetzt werden, nicht, wenn diese sogenannte Pyrethroide enthalten. Nach der Entfernung der Parasiten sollte man die betroffenen Hautstellen noch einige Tage sorgfältig beobachten, um mögliche Infektionen frühzeitig zu erkennen. Der Juckreiz hört beim Abfallen der Milben leider nicht sofort auf, sondern klingt nur allmählich ab. Hunde, die ihre Pfoten deutlich länger als wenige Minuten belecken und sich auch nicht davon ablenken lassen, müssen eventuell durch einen Verband daran gehindert werden, weil das Lecken die Haut aufweicht und auf diese Weise anfällig für den Angriff von Pilzen und Bakterien macht.

Für Paul, den Retriever, lief übrigens alles gut. Nachdem die Tierärztin die Milben mit einem passenden Spray behandelt hatte, fielen die Plagegeister ab. Eine Nacht lang war Paul noch etwas unruhig, aber bereits zwei Tage später war alles vergessen.