Hund allein zu Hause

Hundepsychologin Nicole Nowak kennt das Phänomen: Hunde, die in Frauchens und Herrchens Abwesenheit die gesamte Wohnung demolieren, die vor Angst anfangen zu zittern, wenn der Halter sich ausgehfertig macht, die den ganzen Tag bellen, wenn sie alleine gelassen werden. Solchem Verhalten kann man nicht nur vorbeugen – man kann es auch weitgehend abtrainieren, sagt die Fachfrau.

Ferdi weiß genau, wann es so weit ist. Wenn Frauchen zur Garderobe geht. Die Schuhe anzieht. Nach dem Mantel greift. Den Schlüssel vom Haken nimmt und die Türklinke herunterdrückt. Spätestens dann weicht der Setter nicht mehr von ihrer Seite, bellt, winselt und möchte unbedingt mitkommen. Hat Frauchen schweren Herzens die Tür hinter sich geschlossen, hört sie ihn noch bellen, bis sie beim Auto angekommen ist. Die Nachbarn haben sich bereits beschwert, einer hat sogar nachgefragt, was sie eigentlich mit ihrem Hund anstellen würde, weil er den ganzen Tag bellt und winselt.

 

„Die Gründe für solch ein Verhalten sind sehr unterschiedlich, ganz wie die Hunde selbst“, sagt Nicole Nowak. Trennungsangst ist nicht zwangsläufig anerzogen, erklärt die Tierpsychologin. Ein gewaltiges Gewitter, bei dem der Vierbeiner zufällig allein zu Hause war, eine Silvesterknallerei in Abwesenheit von Frauchen und Herrchen, aber auch Veränderungen im Lebensrhythmus des Halters können die Ursache sein. So berichtet Nicole Nowak von einem vierbeinigen Patienten, der in Frauchens Leben über Jahre die Hauptrolle spielte – stets im Büro dabei war, zu Hause mit im Bett schlafen durfte, einfach immer im Mittelpunkt stand. Als Frauchen einen Partner fand und nun auch mal gerne mit ihrem Freund allein sein wollte, kam das Tier nicht damit zurecht und gebärdete sich in Abwesenheit der Halterin wie verrückt.

 

In der Regel macht Nicole Nowak in solchen Fällen Hausbesuche. „Ich versuche, so viel wie möglich über den Hund zu erfahren – im besten Fall auch, woher die Angst ursprünglich kommt.“ Doch selbst wenn das nicht herauszufinden ist, beispielsweise weil das Tier aus dem Tierheim stammt, kann therapiert werden. Zeit und Geduld sind notwendig, wobei die meisten Halter den Aufwand nicht scheuen, im Gegenteil. „Wenn ein Hund solche Ängste hat, geht für beide, Hund und Halter, oft ein großes Stück Lebensqualität verloren“, sagt Nicole Nowak. Umso größer die Erleichterung, wenn Frauchen und Herrchen merken, dass sie etwas tun können.

 

„Desensibilisierung“ heißt das Zauberwort aus der Verhaltenstherapie. Es bedeutet, das Tier Schritt für Schritt mit der angstauslösenden Situation zu konfrontieren – so langsam und so häufig, bis diese Situation zur Normalität wird. Nicole Nowak skizziert ein Beispiel: „Der Hund merkt, dass Frauchen die Schuhe anzieht. Er wird unruhig. Nun zieht Frauchen so oft die Schuhe an und wieder aus, bis das Tier nicht mehr darauf reagiert.“ Das Gleiche gilt für den Griff zur Jacke. Für den Gang zur Haustür. Für den Griff zur Handtasche, zur Türklinke.

Wichtig dabei sind nicht nur die Reaktionen und der Lernprozess des Tieres. Gerade auch der Mensch muss umdenken. Er muss lernen, dass es ganz normal ist, das Haus zu verlassen – ohne den Hund mit Mitleid, Streicheleinheiten und Koseworten zu überschütten. „Manch ein Besitzer hat mir schon gesagt: Im Grunde therapieren Sie ja mich, nicht den Hund“, erzählt Nicole Nowak. „Tatsächlich therapiere ich den Hund über den Menschen.“ Suggeriert der Mensch, dass sein Verhalten doch eigentlich völlig normal ist und führt er die einzelnen Schritte oft genug durch, lernt das Tier, dass es keine Angst haben muss.

 

Mit der Desensibilisierung lassen sich selbst Ängste vor Gewitter, Silvesterknallerei oder anderen Geräuschen verringern. Die Tierpsychologin hat dafür eigens eine CD entwickelt, mit deren Hilfe Herrchen und Frauchen die Geräusche Schritt für Schritt in den Alltag des Hundes einbauen können. „Das bedeutet zwar nicht, dass der Hund bei Silvester oder Gewittern künftig völlig cool bleibt – schließlich spielen auch Gerüche, Luftdruck und Schwingungen eine Rolle. Aber er wird besser damit umgehen können.“

 

Ein Blick in den Alltag von Nicole Nowak verrät übrigens, wie man ängstlichem oder auch zu anhänglichem Verhalten von Hunden vorbeugen kann. „Wenn ich nach Hause komme, begrüße ich gar keinen Hund“, sagt die Tierpsychologin, die selbst vier Hunde hält und zudem eine Hundepension führt. „Natürlich freue ich mich, die Hunde zu sehen – ich weiß aber auch, was passiert, wenn ich sie gleich beim Hereinkommen zu überschwänglich begrüße.“ Ausflippen, Hochspringen, Bellen – schon so manchem Halter musste die Fachfrau bei zu ungestümem Hundeverhalten weiterhelfen. „Allein durch mein Verhalten signalisiere ich, dass ich der Chef bin – ohne zu schimpfen oder andere unnötige Maßnahmen zu ergreifen. Ich komme herein, lege ab, ziehe die Schuhe aus – und erst wenn ich fertig bin, sind die Hunde dran.“

 

Im Hunderudel, erklärt Nicole Nowak, funktioniert das genauso – der Rudelführer signalisiert, wann er bereit ist, sich den anderen Tieren zu widmen. „Bei Welpen denken die Menschen, sie dürften den Kleinen überhaupt nicht alleine lassen, weil er sonst Angst bekommen könnte. Aber auch im Rudel wird ein junges Tier nicht dauerbetreut.“ Genauso ist der Gang zum Briefkasten oder zum Bäcker völlig normal – ohne dass der Hund zunächst groß verabschiedet oder später überschwänglich begrüßt werden muss.