Die sieben Leben einer Katze

Achtung, schwarzer Kater kreuzt von links! Kann natürlich vorkommen, und die meisten aufgeklärten Erdenbürger werden auch nichts weiter darauf geben. Dennoch wird der eine oder andere – wenn auch nur im Spaß – sagen: „Ui, das bringt Unglück!“ Um Katzen ranken sich jahrhunderte-, wenn nicht gar jahrtausendealte Mythen. Was hat es mit ihnen auf sich?

Hokus pokus fi dibus, dreimal schwarzer Kater!

 

Die Magie der geheimnisvollen Samtpfoten kannten schon die alten Ägypter. Nicht umsonst mumifizierten sie verstorbene Tiere und begruben sie an heiligen Stätten. Die Katze verkörperte für sie Bastet, die Göttin der Fruchtbarkeit. Wer im alten Ägypten eine Katze tötete, musste diese Todsünde mit dem Leben bezahlen. Starb eine Katze in einem Haushalt eines natürlichen Todes, so rasierten sich die Bewohner die Augenbrauen. Auch im alten China verehrte man die Tiere und glaubte, sie hätten eine Seele. In vielen Religionen spielten und spielen Katzen eine wichtige Rolle. So gibt es unzählige Geschichten von Mohammed, dem Begründer des Islams, und seiner Liebe zu den Samtpfoten. Einmal soll der Prophet den Ärmel seines Gewandes abgeschnitten haben, weil darauf seine schlafende Katze lag und er zum Gebet gerufen wurde.

 

Im Buddhismus ranken sich ebenfalls Legenden um Katzen. Symbolisch steht die Katze für Frieden, Glück und Reichtum. Der Besitzer einer Katze hoffte zudem, wenn sein Tier sterbe, werde es bei Buddha ein gutes Wort für ihn einlegen. Selbst im Christentum, das später im Mittelalter Katzen als Teufelstiere betrachtete, gab es zunächst große Katzenfreunde. Etwa Papst Gregor den Großen, der einst in Rom verkündete: „Opfert euer Liebstes!“. Ein armer Mönch zog daraufhin ein Kätzchen aus seinem Ärmel um es zu opfern. Papst Gregor lächelte und winkte ab – auch er trug ein Kätzchen im Gewand verborgen. Die dunkle Stunde für Katzen brach im Mittelalter an. Für das schlechte Image der einst so geliebten Mäusejäger waren wohl verschiedene Faktoren verantwortlich. So schien den Menschen die Unabhängigkeit der Katzen unheimlich. Auch dass die Tiere nachtaktiv sind und sich im Dunkeln hervorragend zurechtfinden, rückte sie in die Nähe dunkler Mächte. Speziell die Augen, die manchmal im Dunkel aufleuchteten, haben wohl den Aberglauben bestätigt. Unzählige Mythen entwickelten sich. Ganze Prozesse wurden gegen Katzen geführt – schwarze Katzen sah man sogar als Inkarnation des Teufels. Nicht zuletzt deshalb, weil die Katze in vielen für das Christentum heidnischen Kulturen hoch angesehen war, richtete sich der Aberglaube auf die eigenwilligen Tiere. Hexen, so hieß es, verwandelten sich nachts in Katzen. Kreuzte eine schwarze Katze von links, verhieß das demnach besonderes Unheil. Denn in der Bibel wird die linke Seiten im Vergleich zur Rechten als negativ angesehen.

Ein Leben, sieben Leben, neun Leben

Der Umschwung zugunsten von Katzen erreichte die Welt spätestens im 19. Jahrhundert. Hygiene wurde plötzlich ein Thema, um die neu entdeckten Bakterien und damit gefährliche Krankheiten auszumerzen. Die Katze galt von nun an wegen ihres ausgeprägten Putzverhaltens als besonders reinlich und deshalb vorbildlich. Geheimnisumwittert blieb sie dennoch. So schreibt man Katzen hierzulande sieben Leben zu – in Großbritannien reden die Menschen sogar von den neun Leben einer Katze.

Wenn sich dieser Aberglaube auch nicht bestätigen lässt, so hat er doch bestimmte, mehr oder minder merkwürdige Hintergründe. Und immer wieder tauchen Geschichten auf, die ihn zu bestätigen scheinen. So ist mittlerweile wissenschaftlich belegt, dass das Schnurren der Katzen eine heilende Funktion hat. Der pulsierende Ton sorgt dafür, dass beispielsweise Knochenbrüche bei Katzen schneller heilen als bei Hunden. Die Frequenz liegt zwischen 27 und 44 Hertz. Forscher wollen nun sogar Implantate mit diesen Schwingungen nachahmen, damit die Vibration Knochendichte und Muskeln positiv beeinflusst. Das erklärt jedoch nicht ausschließlich, warum Katzen bisweilen wahre Überlebenskünstler sind. Für Schlagzeilen sorgte beispielsweise Ende 2008 die Geschichte von Bonny aus Niedersachsen. Das Tier wurde versehentlich eingemauert, als Handwerker einen Rohrbruch reparierten. Sieben Wochen musste es auf engstem Raum ohne Futter und wohl nur mit Kondenswasser ausharren, bevor es gefunden wurde. Frauchen kümmert sich rührend, und auch wenn die Katzendame Bonny heute ängstlicher ist als zuvor, so geht es ihr doch wieder gut.

Noch erstaunlicher scheint auf den ersten Blick eine Untersuchung zweier New Yorker Tierärzte. Sie fanden heraus, dass ein Sturz aus dem siebten Stock für Katzen ungefährlicher ist als der freie Fall aus dem fünften Stock. Gut 100 Fälle, die den Ärzten aus eigener Praxiserfahrung vorlagen, zeigten dieses Resultat. Demnach waren 10 Prozent der Stürze aus dem fünften Stock für das Tier tödlich. Im Vergleich halbierte sich diese Rate bei Stürzen aus dem siebten Stock. Die Begründung der Fachleute: Katzen verfügen von Natur aus über eine biegsame, flexible Wirbelsäule. Das Skelett federt Stürze hervorragend ab. Hinzu kommt der bekannte Reflex der Samtpfoten, sich bei Stürzen in der Luft zu drehen und auf den Pfoten zu landen. Das gelingt dem Tier jedoch besser, wenn es länger fällt, das heißt, wenn es aus großer Höhe fällt. Wie beispielsweise beim australischen Kater Voodoo, der im vergangenen Dezember aus dem 34. Stockwerk mehr als 80 Meter in die Tiefe fiel und den Sturz ohne größere Blessuren überstand. Trotz der wissenschaftlichen Erklärungen lassen uns solche Geschichten immer wieder aufs Neue staunen. Manch ein Katzenbesitzer schwört, seine Miez hebe den Kopf genau drei Sekunden, bevor das Handy klingelt. Ein anderer ist davon überzeugt, dass der Stubentiger durch ein bestimmtes Verhalten Besuch ankündigt, wenn dieser noch 500 Meter entfernt ist. Davon, dass Katzen Erdbeben, Vulkanausbrüche und Gewitter vorausahnen, ist immer wieder zu hören. Forscher und Tierärzte sind überzeugt, dass es dafür ebenfalls wissenschaftliche Gründe gibt. So lautet eine Vermutung, dass Katzen geringfügigste Vibrationen der Erde wahrnehmen können. Andere Theorien besagen, dass die Tiere die Erhöhung der statischen Elektrizität vor einem Erdbeben spüren oder auf Veränderungen im Magnetfeld der Erde reagieren.

 

Letztlich aber bleibt eins gewiss: Die meisten Menschen lieben ihre Katzen gerade wegen deren Unabhängigkeit, dem eigenen Willen und – ihrer geheimnisvollen Art.