Fremde oder Freunde?

Der Platz wäre da, die Zeit auch – warum nicht zusätzlich zur eigenen Katze ein zweites Tier beispielsweise aus dem Tierheim zu sich nehmen? Das Anliegen ist aller Ehren wert, doch eine große Unbekannte spielt dabei die Hauptrolle: die eigene Katze, die ihr Revier, ihr Frauchen und Herrchen bisher für sich hatte. Tierärztin Elke Deininger von der Akademie für Tierschutz in München erklärt, worauf es ankommt.

Es könnte doch so schön sein: eine zweite Katze als Gesellschaft für die Samtpfote, ein Artgenosse, mit dem das Tier kuscheln und spielen kann. So stellen wir Menschen uns das vor und liegen damit auch nicht grundsätzlich falsch. Katzen können sich sehr wohl gut miteinander vertragen – aber eben nicht alle. „Das Besondere an Katzen ist ja, dass jedes Tier sich sehr von den Mitkatzen unterscheidet. Gerade diese Individualität lieben wir an ihnen“, sagt Elke Deininger. „Die Individualität darf man auch nicht mit Einzelgängertum verwechseln. Eine zweite Katze hinzuzunehmen, kann durchaus funktionieren. Allerdings gibt es für das Ergebnis kein Patentrezept und es ist auch nicht in jedem Fall so einfach, wie wir uns das wünschen würden.“

 

Worauf also kommt es an? „Grundsätzlich ist es natürlich am einfachsten, man nimmt gleich zwei Katzen bei sich auf – am besten Jungkatzen, Wurfgeschwister.“ Ein großer Irrtum sei dabei, dass Katze und Kater sich am besten vertragen. „Gleichgeschlechtliche Tiere haben oft mehr voneinander“, sagt Elke Deininger, „weil sie sich im Temperament ähnlicher sind, was für die Verträglichkeit auch später im Erwachsenenalter sehr wichtig ist.“ Wurde der Zeitpunkt verpasst, zwei Tiere gleichzeitig aufzunehmen, gilt es, neue Überlegungen anzustellen. In erster Linie muss sich der Halter darüber Gedanken machen, ob seine Katze ein soziales Tier oder ein Einzelgänger ist. „Bei Wohnungskatzen kann man das oft schlecht sagen, weil sie nicht mit fremden Katzen konfrontiert werden. Bei Freigängern hingegen lässt sich beobachten, wie sie mit anderen Katzen umgehen, ob sie die Nähe von Artgenossen dulden.“

 

Die Herkunft und Sozialisierung der Tiere sind hierbei wichtig. Hatte die Katze schon mal einen Artgenossen bei sich, mit dem sie sich gut verstanden hat? Wie alt ist das Tier heute und wie lange ist es schon alleine? „Grundsätzlich ist es besser, eine bis zu sechs Monate alte Katze hinzuzunehmen. Diese Tiere fallen noch in das Kindchenschema, eine ältere Katze zeigt sich ihnen gegenüber toleranter.“ Allerdings sollte die bisherige Katze nicht zu alt sein. „Ein 13 Jahre alter Kater will seine Ruhe und kann vermutlich mit einem jungen Wildfang nichts anfangen – er fühlt sich gestört.“

 

Kommt der Halter zu dem Schluss, dass sein Tier sozial eingestellt ist, gilt es, den passenden Partner auszusuchen. „Das Temperament und das Selbstbewusstsein müssen passen. Eine scheue Katze zieht gegenüber einem sehr selbstbewussten zweiten Tier den Kürzeren und wird ihren Platz nicht finden“, sagt Tierärztin Deininger.

 

Hat der Halter diese Aspekte bedacht und ist die Entscheidung für ein zweites Tier gefallen, wird es spannend. Bei der Zusammenführung muss auch der Mensch seinen Teil beitragen – nicht zuletzt, indem er sich im richtigen Moment zurückhält. „Der Katzenbesitzer sollte vor allem Ruhe ausstrahlen und nichts forcieren. Wenn sich die Tiere zunächst aus dem Weg gehen, ist das völlig in Ordnung. Auch ein Fauchen oder eine Ohrfeige sind im Rahmen.“ Eingreifen sollte der Mensch, um bestimmte Situationen zu entschärfen, etwa wenn die eine Katze die andere in die Ecke drängt. „Das Tier ruhig wegnehmen, dabei nicht schimpfen. Beide Tiere streicheln und auch füttern, aber keines bevorzugen“, rät Elke Deininger.

 

Dramatisch wird es der Tierärztin zufolge in dem Moment, in dem eine der Katzen anfängt, bedrohlich zu singen. „Das ist ein hoher Grad von Aggression, den man vermutlich nicht eindämmen kann.“ Fühlt sich ein Tier derart bedrängt, muss der Versuch abgebrochen werden. Ansonsten aber sollte gutes Verhalten durch gutes Zureden bestärkt werden, in keinem Fall jedoch schimpfen. Klappt es, gewinnen alle Seiten hinzu: die beiden Katzen, aber natürlich auch der Katzenliebhaber.