Minky, die dreijährige Siamkatze von Alina (29), schnuppert kurz am gut gefüllten Napf, wendet sich dann ab und schaut ihre Besitzerin kurz an. Langsam und mit hängendem Kopf verlässt Minky die Küche.

"Das macht sie immer so, wenn ich mal gerade ihr Lieblingsfutter nicht im Haus habe", klagt Alina. "Sie will, dass ich ein schlechtes Gewissen bekomme." Katzenbesitzer werden nun verständnisvoll nicken: Kenne ich. Jeder andere wird sagen: Vorwurfsvoll? Beleidigt? Schlechtes Gewissen? - Wir reden doch hier nur von einem Tier.

Von einem besonderen Tier, allerdings. Denn kein Tier kann den Menschen so gut in seinem Verhalten beeinflussen, wie es Katzen können. Der bekannte Spruch: Hunde haben Besitzer, Katzen haben Personal, wird von Katzenfreunden nur allzu gerne bestätigt.

Einige der Manipulationstricks der felinen Biester sind sogar wissenschaftlich bewiesen. So haben britische Forscher herausgefunden, dass Katzen in einem Geräuschmix aus Schnurren, Miauen und Fauchen auch einen hochfrequenten Ton unterbringen können, der dem Schreien eines menschlichen Babys ähnelt. Klar, dass das den Katzenfreund alarmiert und der alles tut, um das Kleine zu besänftigen.

Die Katze hat sich diesen Ton sicher nicht antrainiert oder von Babys abgehört, aber sie lernt schnell, was passiert, wenn sie diesen Ton einsetzt. Ebenso merkt sich die Katze, was sie tun muss, um das gewünschte Futter zu bekommen. Frauchen angucken, weggehen und schon reagiert die Servicekraft.

Katze konditioniert Mensch

Vor über 100 Jahren hat der russische Verhaltensforscher Iwan Pawlow diesen Prozess beobachtet und als Konditionierung bezeichnet. In seinen Experimenten hat er, der Mensch, Hunde konditioniert und bei ihnen bestimmtes Verhalten und Reflexe ausgelöst. Bei Katze und Mensch ist es heute eher umgekehrt.

Aber ist es wirklich maipulativ, wenn sich die Katze vor die Tür stellt und miaut um uns zu signalisieren, dass sie raus will? Das ist doch eher eine klare Form der Kommunikation. Ob wir dem Wunsch dann entsprechen, müssen wir schon selbst entscheiden. Tatsächlich beleidigt ist die Katze sicherlich nicht.

Wie auch in menschlichen Beziehungen, sehen wir in unserem Gegenüber gerne das, was wir sehen wollen. Die Katze spiegelt unsere Gefühle und Gedanken. Weil wir in ähnlicher Situation vielleicht beleidigt wären, setzen wir dieses Gefühl auch bei der Katze voraus.

Ein Grund dafür, dass sich Katzenbesitzer vom Verhalten ihrer Tiere stärker beeinflussen lassen als Hundebesitzer, liegt auch in dem so sehr anderen Verhältnis zwischen Tier und Mensch. Der Hund als Rudeltier ordnet sich dem Leitwolf unter. Er nimmt, in der Regel, dankbar an, was er bekommt und wenn er mal mit Hundeblick bettelt, dann ist das schnell zu durchschauen. Der Mensch muss nicht um die Gunst seines Hundes werben. Er hat sie.

Katzen hingegen kommen auch alleine klar und sind gar nicht so sehr auf den Menschen fixiert. Das spürt der Mensch und ist instinktiv bemüht, sich bei seiner Katze beliebt zu machen. Es gibt Studien, die belegen, dass die Katze den Menschen gar nicht braucht und unter Trennung von ihrem Besitzer nicht leidet. Ist die Katze also ein bindungsunfähiges, eigenbrötlerisches und egoistisches Wesen? Katzenbesitzer werden das vehement bestreiten und auf die enge Bindung ihrer Katze an die Familie verweisen. Und sie haben Recht: Es gibt auch Studien die nachweisen, dass die Katze tiefverwurzelt in der Familie erst richtig auflebt. So ist das mit der Wissenschaft.

Schnell lernt der Katzenbesitzer kätzisch: Ob die Katze nun faucht (lass mich in Ruhe), gurrt (das ist etwas Interessantes) oder maunzt (lass mich rein), der Besitzer wird schnell verstehen was gemeint ist und mit seiner Katze immer klarer kommunizieren. Das merkt die Katze schnell und so wird sie auch dann kläglich maunzen, wenn es gar nichts zu klagen gibt. Einfach, weil sie Aufmerksamkeit möchte. Oder sie schnurrt, was nicht nur ein Zeichen für Wohlbefinden sein kann, sondern auch ein Hilferuf, um zu sagen: Hey, gib mir was zu fressen. Und da sind wir wieder bei der Manipulation.

Auch Katzen sind integrationsfähig

"Wenn ich nach Hause komme, streift Minky um meine Beine, reibt ihren Kopf an mir. Sie freut sich, dass ich wieder da bin," sagt Alina. "Sie vermisst mich." Der niederländische Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal vergleicht die Bindung, die nach Jahren des Zusammenlebens von Mensch und Katze entsteht, mit der Beziehung eines alten Ehepaares. Man hat eingeübte Rituale und weiß meistens, was der andere gerade braucht. Eine Beziehung, fast auf Augenhöhe. Das um die Beine streifen ist aber auch eine Art, das Revier zu markieren, soll sagen: dieser Mensch gehört mir!

Tatsache ist aber auch: Je mehr Bezugswesen - andere Katzen und Menschen - eine Katze ständig um sich hat, umso weniger zwingt sie anderen ihren Willen auf. Gemeinschaft fordert eben Integration und auch diese beherrschen Katzen ganz wunderbar. Denn sie sind eben nicht die Egomanen, für die sie viele halten.

Fernab aller Wissenschaft leben Menschen mit Katzen gut und gerne zusammen und das seit Jahrtausenden. Und wenn man Katzenbesitzer so über die Manipulationen ihrer Vierbeiner reden hört, wenn man Comics wie Garfield und Simon's Cat ansieht, die vor allem von Katzenfreunden so geliebt werden, dann muss man zu dem Urteil gelangen: die wollen es doch so.

Kann man besonders manipulativen Katzen ihr manchmal nervtötendes Verhalten abgewöhnen? Die Antwort könnte nun eine lange Liste von Erziehungstipps sein, aber eigentlich lautet sie: nein. Denn nicht die Katze verhält sich problematisch, sondern ihr Mensch. Die Katze nutzt ihre recht hohe Intelligenz und ihre ausgeprägte Willensstärke dazu, sich ihr Leben angenehm zu machen. Das kann man ihr nicht vorwerfen. Warum nutzt der Mensch seine höhere Intelligenz und seine Machtstellung nicht auch? Zum Beispiel, in dem er einfacht nicht tut, was die Katze tatsächlich oder nur in seiner Wahrnehmung verlangt. Zum Manipulieren gehören halt immer zwei.

Herbert, Rentner und Katzenbesitzer seit seiner Kindheit, bringt es auf den Punkt: "Ich lebe alleine und meine Katze spricht mit mir. Auf ihre Art. Wir streiten, wir vertragen uns wieder und sie setzt gelegentlich auch ihren Willen durch. Das ist gut so. Das ist Leben."