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Der Kater tut, was ein Kater tun muss: Er jagt einer Maus hinterher. Doch die ist flink und der Kater, sicherlich gesättigt vom guten Futter, etwas unentschlossen. Das nutzt die Maus aus und versteckt sich erst hinter einem dicken Stoffpinguin, um dann dem Pinguin auf den Kopf zu springen. Der Kater kommt näher, streckt der Maus die Nase entgegen. Die nimmt ihren ganzen kleinen Mäusemut zusammen und springt der Katze blitzschnell mitten ins Gesicht. Das wirkt. Erschrocken springt die Katze zurück, die Maus macht sich aus dem Staub.

Diese kleine David-gegen-Goliath-Geschichte wurde von Thomas Baitinger, dem Besitzer des Katers, in einem 15-Sekunden-Handyvideo festgehalten und auf You Tube gestellt. Eines von Millionen Katzenvidios dort und doch ein besonderes: Kater Signor Rossis erfolglose Mäusejagd wurde nun zum besten Katzenvideo Deutschlands gewählt. Katzenbesitzer Baitinger gewann im Februar beim ersten Deutschen Katzenvideofestival in Düsseldorf den Publikumspreis und nahm als Trophäe den goldenen Kratzbaum entgegen. Die Maus, so versichert der Preisträger, verließ seine Wohnung nach dem Videodreh unbeschadet und wurde nicht mehr gesehen.

 

 

Millionenumsätze mit lustigen Katzen

Katzen sind die unangefochtenen Stars des Internet. Ob Fotos oder Videos, kein Tier wurde seit der Erfindung des World Wide Web so oft fotografiert, gefilmt, hochgeladen, geteilt, geklickt und kommentiert wie die Katze. Welche Katze als Erste das Licht der Online-Welt erblickte, ist nicht bekannt. Ein früher Star war aber zweifellost Frank The Cat, der mit der schrägen Frage "I can has Cheeseburger?" und einem dümmlich-gierigen Foto das Genre der lolcats begründete. Unter dem Hashtag (Schlagwort) #lolcats fasst man heute alles zusammen, was im Internet witzig ist und mit Katzen zu tun hat. Die Website icanhas.cheeseburger.com wurde von Franks Herrchen irgendwann sehr gewinnbringend verkauft und liefert unter ihren neuen Besitzern noch heute schrägen Spaß rund ums Tier.

Ein anderer großer Star der Szene trat 2012 auf den Plan: Grumpy Cat. Die kleinwüchsige Katze mit dem grimmigen Gesichtsausdruck wurde millionenfach geteilt und ihr Foto mit mehr oder weniger witzigen Sprüchen garniert. Heute ist Grumpy Cat aus Arizona, die eigentlich Tardar Sauce heißt, eine eigene Marke mit zahlreichen Produkten und Online-Shop. Die ulkige kleine Katze verdient so viel wie ein Spitzenfußballer. Mit lolcats lassen sich also auch Geschäfte machen.

Katzenbilder erfreuen und lenken ab

Doch um Geschäfte geht es in der Regel nicht, wenn Zigtausend Katzenbesitzer Tag für Tag die Handys zücken und ihre Lieblinge in Szene setzen. Aber worum geht es dann, wenn Menschen massenhaft Fotos und Videos spielender Katzen verbreiten? Haben die nichts Wichtigeres zu tun? Ist das nicht reichlich banal?

"Ja", sagt Alain Bieber, Künstler, Leiter des NRW Forums in Düsseldorf und Veranstalter des ersten deutschen Katzenvideofestivals, "das ist banal. Menschen betreiben mit Katzenvideos eine Art Realitätsdetox." Das heißt: Dem vielen Ernsten und Unerfreulichen im Netz muss etwas Nettes und Harmloses entgegengesetzt werden. Wer auf YouTube oder Facebook Katzenvideos und Fotos veröffentlicht, tut das, um andere zu unterhalten, zu beglücken oder zu amüsieren. Und warum gerade die Katze? Alain Bieber: " Sie sind uns in Vielem auch ähnlich." So einfach ist das. Und mit jedem Like zum Katzenfoto verbinden sich Fotograf und Betrachter. Beim völlig ausverkauften Katzenvideofestival in Düsseldorf kamen über 600 Katzenvideofreunde zusammen. Catcontent, so der Fachbegriff, ist ein Massenphänomen.

Katzenbilder und -videos, so hat die Psychologin Jessica Gall Myrick von der Indiana University in Bloomington in einer Studie 2015 herausgefunden, erfüllen zwei Funktionen: Sie unterstützen erstens die emotionale Regulation und zweitens die Prokrastination. Zu deutsch: Katzenbilder im Internet machen uns glücklich und lenken uns von der Arbeit ab. Erwiesen ist: Das Betrachten niedlicher Kätzchen wirkt wie der Genuss von Süßigkeiten; wie eine Belohnung und Balsam für die Seele. Nur, dass Katzenbilder nicht dick machen. Erwiesen ist aber auch: Die meisten Katzenvideos werden bei der Arbeit betrachtet. Dabei lassen wir aber die Arbeit nicht liegen, weil wir Katzenbilder anschauen, sonder wir schauen Katzenbilder an, weil wir die Arbeit mal einen Moment liegen lassen wollen. Katzenvideos als Pausenfüller. Das muss nicht schlecht sein, denn Psychologen vermuten, dass der durch netten Katzencontent erfreute Geist dann wieder motivierter ans Tagwerk geht. Sagen Sie das Ihrem Chef, wenn er meckert.

Nach 20 Jahren Internet, sollte man meinen müsste sich das Katzending im World Wide Web langsam mal totlaufen. Doch es wird nicht langweilig: Allein im Jahr 2014 wurden weltweit mehr als zwei Millionen Katzenvideos auf YouTube hochgeladen und insgesamt 26 Milliarden Mal angesehen. Mehr als jede andere Videogattung.

Katzenfotos als Grußbotschaft

Marie L., 22-jährige Arzthelferin aus Hamburg, postet alle paar Tage Videos oder Fotos ihrer Katze Cersei auf Facebook. Von ihren knapp 200 Facebook-Freunden bekommt sie dann immer wieder Likes. Das freut sie: "Ich verstehe das auch irgendwie als Grußbotschaft an meine Freunde. Hallo, es geht mir gut. Wenn die Sachen besonders witzig sind, teilen die Leute das auch. Dann gibt's noch mehr Likes." Aber darauf kommt es Marie nicht an. Sie will die schönen Momente, die sie mit Cersei hat, mit denen teilen, die sie kennt. Und so entsteht ihr Catcontent auch eher beiläufig: "Ich beobachte Cersei, wenn sie spielt oder frisst, oder wenn sie schläft und träumt. Das entspannt mich nach einem stressigen Tag. Wenn sie besonders süß oder lustig ist, mache ich Fotos oder Videos mit dem Handy." Eine eigene Facebookseite, wie viele, viele andere Katzen, hat Cersei noch nicht.

Andere Katzenbesitzer gehen bei ihren Aufnahmen aktiver ans Werk und inszenieren spektakuläre Szenen regelrecht. Ihr Ziel: das Video soll viral gehen, also von möglichst vielen Betrachtern geteilt und weiterverbreitet werden. Sie bringen die Tiere in Situationen, die einfach lustig werden müssen. Mit Spielsachen oder verstecktem Futter zum Beispiel. Ein Video, das beim Katzenvestival einen der vorderen Plätze belegte, zeigt eine Katze, die mit viel Mühe auf einer Stuhllehne balanciert und ein in einigem Abstand stehendes Aquarium fixiert. Der Betrachter ahnt schon, was kommen wird, die Katze setzt zum Sprung an, fliegt gestreckt Richtung Aquarium - und knallt mit voller Wucht gegen die Scheibe. Aua. Katzenfreunde klicken hier nicht "Like!".

 Man darf sein Tier nicht in Gefahr bringen oder quälen, um ein besonderes Video oder Foto zu produzieren.

Den Jurypreis beim ersten deutschen Katzenvideofestival gewann übrigens ein Video, das ohne Stress und Schadenfreude auskommt: http://is.gd/Katze2 Zunächst sieht man nur weiße Schlieren auf einer Scheibe. Dann taucht eine kleine Zunge auf, die die Schlieren nach und nach wegschlabbert. Muss was Leckeres sein. Die Scheibe wird sauberer und man erkennt eine graugetigerte Katze. Die schleckt weiter, fast vier Minuten insgesamt, bis die Scheibe frei ist. Eher Meditation als Lachnummer. Da wird die Katze zum Künstler.