Sie erfreuen weltweit Millionen Menschen, sie zwitschern, trillern und singen aus voller Brust: Kanarienvögel. Die liebenswerten Piepmätze werden nicht umsonst „Sänger im gelben Federkleid“ genannt – sie sind die einzigen Heimvögel, die neben dem arteigenen Gesang auch andere Gesänge lernen können.
Aus Sankt Andreasberg im Oberharz ist die Kanarienvogelart „Harzer Roller“ nicht wegzudenken. Dort wurde ihr sogar ein Museum gewidmet, in dem es bereits morgens zur Dämmerung laut und lustig zugeht, weil die Bewohner den Tag mit ihrem herrlichen Gesang begrüßen. Seit mehr als 200 Jahren spielen Kanarienvögel in dem kleinen Ort eine große Rolle. Einst dienten sie dort den Bergleuten als Rettungssystem. Weil die Vögel weitaus empfindlicher auf Sauerstoffmangel reagieren als Menschen, nahm man sie mit in die Grube. Wurde die Luft unter Tage dünn, zeigten die Kanarienvögel dies durch ein besonderes Japsen oder Schmatzen an. So wurde die Zucht von Kanarienvögeln in Sankt Andreasberg zum wichtigen Wirtschaftsfaktor, der Harzer Roller zum Exportschlager. Ende des 19. Jahrhunderts lebten mehr als 350 Züchter in der Stadt; Jahr für Jahr wurden Zehntausende männliche Tiere verkauft (die Weibchen singen kaum). Hinzu kamen Fachleute, die für den Bau von Vogelbauern zuständig waren.
Doch die Faszination Kanarienvogel reicht international noch weiter zurück: Verbrieft ist, dass spanische Mönche bereits im 15. Jahrhundert herausfanden, dass die Finkenart sich gut züchten ließ.
Ursprünglich stammen Kanarienvögel von den Kanarischen Inseln, den Azoren und der Insel Madeira. Ihr Vorläufer ist der sogenannte Kanarengirlitz. Heute sind bei Kanarienfreunden neben der bekannten Züchtung „Harzer Roller“ aus Sankt Andreasberg unter anderem auch der Belgische Wasserschläger, der American Singer und der Spanische Timbrando bekannt und beliebt.
In ganz Deutschland gibt es mittlerweile neben unzähligen privaten Haltern von Kanarienvögeln auch mehr als 100.000 Fans, die sich der Zucht widmen. Während Züchter in Großbritannien ihren Schwerpunkt auf das Aussehen der Vögel legen, ist man in Deutschland bemüht, die spätere Sangeskunst zu beeinflussen. Bundesweit gibt es Wettbewerbe, bei denen die besten Sänger ausgezeichnet werden. Dass bestimmte Rassen von Kanarienvögeln besonders gut singen, ist nämlich kein Zufall. Die Tiere lernen ihr Leben lang hinzu; neben den angeborenen Gesangsfähigkeiten ahmen sie auch den Gesang anderer Artgenossen und sogar artfremde Geräusche nach. Diese Tatsache machen sich Züchter zunutze. Wenn die Vögel etwa sechs Monate alt sind, werden sie für eine Zeit in einen kleinen Käfig gesetzt, von dem aus sie ihre Artgenossen nicht sehen, aber hören können. Dann erhalten sie einen guten Vorsänger, der seine Sangeskunst bereits unter Beweis gestellt hat. Bald erlernen die Jungtiere durch das Zuhören und fleißige Nachahmen immer mehr Strophen, im Fachjargon „Touren“ genannt.
Natürlich singen Kanarienvögel nicht uns zuliebe, auch wenn wir uns an ihrem schönen Gesang erfreuen. Männliche Tiere, sogenannte Hähne, tirillieren vor allem zur Balzzeit, aber auch um das eigene Revier abzugrenzen oder den Nestbau musikalisch zu untermalen. Eine Besonderheit haben vor zwei Jahren deutsche und britische Wissenschaftler entdeckt: singt ein Kanarienvogelmännchen besonders kräftig und schön, legen die Weibchen erwiesenermaßen größere Eier. Am Max- Planck-Institut für Ornithologie spielten die Forscher den Kanariendamen verschiedene Gesangsaufnahmen unterschiedlicher Männchen vor. Sie stellten fest, dass manche besonders schnelle und komplexe Silben, die das Männchen hervorbringt, dem Weibchen besonders zu gefallen scheinen – es legt größere Eier.