"Hey, ich bin ein ganz Toller!"

Die Körpersprache von Nymphensittichen verdeutlicht ihr Befinden. Nicht nur durch Pfeiftöne, Fauchen und Krächzen können Nymphensittiche untereinander kommunizieren. Vielmehr ermöglichen ihnen Haube und Körperhaltung eine ganze Reihe weiterer Signale. Bernd Marcordes, Kurator im Kölner Zoo und von klein auf großer Nymphensittichfan, erklärt, was es damit auf sich hat.

Ob Nymphensittiche nun zu den Kakadus oder doch eher zu den Sittichen zählen, ist unter Fachleuten bis heute nicht abschließend geklärt. Von beiden Familien unterscheiden sich die Tiere maßgeblich. So wechseln sich beispielsweise Nymphensittich-Eltern bei der Brut ab, was andere Sittiche nicht tun. Dafür versorgt das Männchen das brütende Weibchen auch nicht mit Futter. Gefieder und Farbgebung sind typisch für Kakadus, die Form wiederum gleicht jener von Sittichen. Ein ganz besonderes Merkmal scheint ebenfalls sehr untypisch für einen Sittich: die Haube. Neben den Nymphensittichen verfügt nur noch der Hornsittich über solch einen Kopfschmuck – kann ihn aber, anders als der Nymphensittich, nicht bewegen.

 

„Gerade durch die Haube haben Nymphensittiche wirklich die Möglichkeit, zu kommunizieren“, sagt Bernd Marcordes. „Die Haube ist so etwas wie die Mimik beim Menschen – sie zeigt genau an, was das Tier gerade fühlt.“ Beispielsweise gute Laune: In diesem Fall ist der Federschmuck entspannt nach vorne gestellt und verleiht dem Vogel ein offenes, freundliches, neugieriges Aussehen. Anders dagegen, wenn das Tier Aggression zeigt, weil es sich mit einem Artgenossen auseinandersetzen muss. „Dann wird die Haube nach hinten geklappt, der Schnabel geöffnet, der Kopf nach vorne gestreckt und auf den anderen zugegangen“, sagt Bernd Marcordes. „Das heißt so viel wie: Komm du nicht näher, sonst beiß ich dich.“

 

Was wiederum nicht dasselbe Stressverhalten ist, wie es ein verängstigter, scheuer Nymphensittich an den Tag legen kann. „Sitzt solch ein Tier in einem kleinen Gehege oder Käfig und man geht mit der Hand rein, zieht es sich in die letzte Ecke zurück. Dabei macht es sich möglichst groß, stellt die Haube auf und faucht“, erklärt der Ornithologe. „Diese Abwehrfunktion signalisiert zwar: ‚Hey, ich bin sehr groß und gefährlich!’ Doch der Vogel traut sich nicht, anzugreifen.“

 

Gänzlich anders stellt sich die Situation natürlich beim Balzen dar. Hier bedeutet eine angelegte Haube ein charmantes „Ich bin dir zu Diensten“. Das Männchen macht sich klein, spreizt aber gleichzeitig die Flügel ab. „Es sieht ein bisschen wie ein aufgepumpter Bodybuilder aus. Die Aussage ist klar: Hey, ich bin ein ganz Toller!“, beschreibt Marcordes das beeindruckende Auftreten, das von einer Folge von Pfeiftönen begleitet wird. Ist das Weibchen interessiert, nähert es sich, spreizt ebenfalls die Flügel ab und legt die Haube an. Der Schnabel wird nach unten gewendet. Auch hier das klare Signal: Ich bin nicht aggressiv.

 

Bernd Marcordes hat schon als Kind Nymphensittiche gehalten, nicht zuletzt deshalb, weil sie sich in ihrem Verhalten so gut beobachten lassen. „Für mich muss ein Vogel nicht zahm sein“, sagt der Fachmann. „Mich begeistert vielmehr, dass die Tiere als große Gruppe zusammenleben und interagieren.“ In seiner Studienzeit hielt Marcordes bis zu 70 der farbenfrohen Vögel. „Natürlich brauchen sie gute Pflege, aber Nymphensittiche sind verhältnismäßig anspruchslos, was Temperatur, Raumklima und Futter angeht, und entsprechend gut zu halten.“ Voraussetzung ist, dass die kommunikationsfreudigen Nymphensittiche nicht alleine in der Voliere sitzen. Und der Platz muss ausreichen. Hier gilt wie bei allen Vögeln: Je mehr Raum, desto besser.